Kick-off-Workshop des neuen P-Seminars Ethik 25/26 – Teil 2
Mit einem nicht weniger spannenden zweiten Workshop setzte das P-Seminar Ethik „Gemeinsam für mehr Bildungsgerechtigkeit – Projekte für und mit unserer Projektschule in Tansania“ unter der Leitung von Christina Sohn seine Auftaktphase fort. Gemeinsam wollen die Schülerinnen und Schüler Projekte entwickeln, die Bildungschancen verbessern – und zwar für und mit der Thomas Nyimbo Secondary School, mit der das Gymnasium Tegernsee seit dem vergangenen Schuljahr eine Schulprojektpartnerschaft aufbaut und deren Schülerinnen und Schüler im Alltag vor vielen Herausforderungen stehen.
Im zweiten Teil des Auftaktworkshops mit der Friedensforscherin und BtE (Bildung trifft Entwicklung)-Referentin Christina Pauls stand das Thema Bildungsgerechtigkeit im Mittelpunkt. Nach der intensiven Auseinandersetzung mit historischen und globalen Ungleichheiten im ersten Workshop rückten diesmal zunächst die eigenen gesellschaftlichen Positionierungen und individuellen Privilegien in den Fokus.
Zum Einstieg reflektierten die Schülerinnen und Schüler mithilfe der Methode Eye of the Norm, was es bedeutet, sich im „Auge des Sturms“ zu befinden – also im Zentrum gesellschaftlicher Normalität und damit auch von Macht und Sicherheit. Wer sich weiter vom Zentrum entfernt, spürt mehr Gegenwind: Ausgrenzung, Diskriminierung, Benachteiligung. In Partnerarbeit tauschten sich die Teilnehmenden darüber aus, wie ruhig oder turbulent ihr eigenes „Lebenswetter“ ist und welche Privilegien sie bewusst oder unbewusst genießen.
„Mir ist erst bewusst geworden, dass viele Dinge, die ich für selbstverständlich halte – etwa, dass meine Eltern mich unterstützen können oder dass ich nie Diskriminierung erfahren habe – gar nicht selbstverständlich sind.“
Im Anschluss folgte das sogenannte „Schritt-nach-vorne-Spiel“, bei dem jede Person eine fiktive Rolle erhielt – etwa einen deutschen Mittelstandsbürger, einen homosexuellen Jugendlichen, dessen Eltern Sozialhilfe empfangen, oder eine Geflüchtete aus Burkina Faso. Nach einer kurzen Einstimmung auf die jeweilige Lebenswelt („Wie sah dein Zuhause aus?“, „Wie viel Zeit hattest du am Nachmittag?“, „Was arbeiten deine Eltern?“) begann das eigentliche Spiel. Christina Pauls las Aussagen vor, bei denen die Teilnehmenden jeweils überlegten, ob sie für ihre Rolle zutreffen. Wenn ja, durften sie einen Schritt nach vorne machen. Beispiele waren: „Du kannst dich gut in der Landessprache verständigen.“, „Du bewirbst dich auf einen neuen Job - und hast gute Chancen, ihn zu bekommen.“, „Du beantragst einen Kleinkredit. Er wird dir gewährt.“ oder „Am Bahnhof finden Kontrollen statt – du gehörst zu denen, die nicht nach ihren Papieren gefragt werden.“

Schon nach kurzer Zeit zeichnete sich ein deutliches Bild ab: Die Gruppe, die zu Beginn noch nebeneinander in einer Reihe gestanden hatte, hatte sich weit auseinandergezogen. Einige standen weit vorne, andere blieben ganz hinten zurück – sichtbar wurde eine Landschaft sozialer Ungleichheit. In der anschließenden Reflexion beschrieben die Schülerinnen und Schüler ihre Gefühle während des Spiels:
„Ich fand es unangenehm, immer weiter nach vorne zu gehen, während andere stehen bleiben mussten, und ich hatte Mitleid mit ihnen.“
„Als ich gemerkt habe, dass ich ganz hinten stehe, wurde mir bewusst, dass ich eigentlich keine Rechte habe – und ich habe mich ziemlich allein gelassen gefühlt, obwohl es ja nur ein Rollenspiel war.“
Nach der Auflösung, wer welche Rolle inne hatte, wurde deutlich, wie unterschiedlich Lebensbedingungen und Chancen sind – und dass viele Faktoren wie Staatsangehörigkeit, finanzielle Situation der Eltern, Hautfarbe, Sprache oder Bildungshintergrund großen Einfluss auf die eigene Position in der Gesellschaft haben. Etwas, das uns, die wir viele Privilegien genießen, meist nicht bewusst ist.
Um dieser Bildungsungleichheit entgegenzuwirken, unterstützt beispielsweise die Initiative ArbeiterKind.de Jugendliche aus Nicht-Akademikerfamilien beim Übergang an die Universität. Die Mitglieder des P-Seminars haben sich vorgenommen, globale und historische Ungleichheiten in den Blick zu nehmen und sich für die Jugendlichen unserer Projektpartnerschule, der Thomas Nyimbo Secondary School in Tansania, einzusetzen – weil Bildung der Schlüssel ist, um Barrieren abzubauen und gerechtere Zukunftschancen zu schaffen.
Connecting the Dots – Verflechtungen deutscher und tansanischer Geschichte
Nach dieser intensiven Auseinandersetzung mit Privilegien und Chancengleichheit folgte im zweiten Teil des Nachmittags die Methode „Connecting the Dots“ (Zeitstrahlmethode), mit der die Gruppe die Verflechtungen der deutschen Geschichte mit Tansania untersuchte. Die Schülerinnen und Schüler ordneten historische Ereignisse, Orte und Personen entlang eines Zeitstrahls und entdeckten überraschende Verbindungslinien zwischen beiden Ländern. Anhand von Bildern, Jahreszahlen und kurzen Texten wurde deutlich, dass diese Beziehungen weit älter und komplexer sind, als viele vermutet hatten.

Unter den zahlreichen Stationen des Zeitstrahls reichten die vorgestellten Beispiele vom 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart: So war die Hafenstadt Kilwa an der ostafrikanischen Küste im Mittelalter Teil eines blühenden Welthandels, während Europa von der Pest heimgesucht wurde. Weiter ging es zum Maji-Maji-Aufstand (1905–1907), einem der frühesten antikolonialen Befreiungskämpfe gegen die deutsche Kolonialherrschaft, und zu den Ausgrabungen in Tendaguru (1909), bei denen deutsche Forscher riesige Dinosaurierknochen entdeckten und nach Berlin brachten. Den Abschluss dieser Auswahl bildete die Umbenennung der Berliner Petersallee in Maji-Maji-Allee (2018) – ein Symbol für das wachsende Bewusstsein, dass koloniale Geschichte auch Teil deutscher Erinnerungskultur ist. Die Straße war zuvor nach Carl Peters benannt, einem deutschen Kolonialverbrecher, der die einheimische tansanische Bevölkerung mit äußerster Brutalität unterdrückte und zahlreiche Menschen töten ließ.
Die gemeinsame Arbeit machte deutlich, dass die Geschichte von Deutschland und Tansania seit Jahrhunderten eng miteinander verbunden ist – geprägt von Handel, Kolonialisierung, Widerstand und Erinnerung.
So wurde sichtbar, dass Bildung auch bedeutet, diese Zusammenhänge kritisch zu erkennen und unsere gemeinsame Geschichte bewusster zu verstehen.
Christina Sohn







