Wozu Geschichte?
"Die Geschichte ist das gefährlichste Elaborat, das die Chemie des Intellekts produziert hat. Seine Eigenschaften sind allbekannt. Es bringt Völker ins Träumen, versetzt sie in Rausch, gaukelt ihnen eine Vergangenheit vor, übersteigert ihre Reflexe, hält ihre alten Wunden am Schwären, stört sie in ihrer Ruhe auf, treibt sie zu Größenwahn oder auch zu Verfolgungswahn und macht, dass die Nationen verbittert, auftrumpfend, unausstehlich und eitel werden. Die Geschichte rechtfertigt, was immer man will. Sie lehrt schlechterdings nichts, denn es gibt nichts, was sich mit ihr nicht belegen ließe . . ."
Dieses schöne Zitat von Paul Valéry liest man im Mai-Heft des "Merkur" gegen Ende eines längeren Aufsatzes von Rudolf Burger.
Aber natürlich wirft genau dieses Zitat viele Fragen auf. Die zentrale Frage ist: Wozu Geschichte?
Auf den ersten Blick scheint es, als ob Geschichte keinen tieferen Nutzen hätte. Geschichtliches Wissen ist wenig hilfreich, wenn es darum geht, einen Computer zu installieren oder ein Regal zusammenzubauen. Geschichte ist ein Teilgebiet der Geisteswissenschaften und deshalb erschließt sich ihr Wert nicht sofort.
Kenntnisse über die Geschichte befriedigen zunächst einmal die Neugierde. Wenn wir schon nicht sicher sein können, wohin wir gehen, können wir wenigstens lernen, woher wir gekommen sind. Wie entstand unsere Kultur, weshalb veränderten wir uns und entwickelten uns weiter von Jägern und Sammlern zu Hirten und Bauern bis hin zu unserer heutigen Gesellschaft? Warum haben wir eigentlich Gesetze und Verfassungen? Und sind diese eigentlich im Prinzip gleich oder unterschiedlich? Es ist allemal spannend, etwas über den Reichtum früherer Kulturen, die Lebensgewohnheiten anderer Völker sowie menschliche Höchst- und Fehlleistungen zu erfahren. Wären bestimmte historische Prozesse anderes verlaufen, würde unser heutiges Leben ganz anderes aussehen. Die Gegenwart ist also ohne die Vergangenheit letztlich nicht zu begreifen.
Erfahrungen aus der Geschichte können und sollten eine Richtschnur sein für zukünftiges Handeln. Die Väter unseres Grundgesetzes beispielsweise erkannten die Schwachpunkte der Weimarer Verfassung, die mit zum Untergang der ersten deutschen Demokratie beigetragen hatten, und zogen die entsprechenden Konsequenzen.
Geschichte ist drittens ein wesentlicher Teil der Allgemeinbildung (was übrigens nicht erst seit dem Boom der Quizsendungen im Fernsehen gilt). Über ein Mindestmaß an Kenntnissen dessen, was das menschliche Leben so vielfältig und faszinierend macht, sollte jedermann verfügen. Geschichte bietet auch eine Gesamtschau all dessen, was der Mensch zu leisten im Stande ist - zum Wohle der Menschheit oder zu ihrem Schaden.
All diejenigen, die immer noch dem Fach Geschichte skeptisch gegenüberstehen, können vielleicht durch die folgende Aussage eines Historikers überzeugt werden: "Selbst wenn die Geschichte zu nichts anderem zu gebrauchen wäre, eines muss man ihr sicher zugute halten - sie ist unterhaltsam."
Andrea Neumann
