Besuch im Altenheim Rupertihof: Diskussion über NS-Zeit
Eine erste Begegnung
Am Donnerstag, den 30.09.2010 fand in dem KWA Altenheim Rupertihof eine lang geplante Veranstaltung unter der Bezeichnung "Treffen der Generationen" statt. Teilnehmer waren sieben Damen und Herren des Rupertihofes und auf Seiten des Gymnasiums Tegernsee der Leistungskurs Geschichte mit Herrn Teufel und der Qualifikationskurs Geschichte mit Frau Neumann, ca. 30 Schüler. Moderiert wurde die Veranstaltung von Herrn Gietl, ins Leben gerufen und organisiert von Herrn Thomas.
Im Vorfeld hatten die Leiter des Rupertihofs das Gymnasium Tegernsee kontaktiert, da es im Rupertihof offensichtlich mehrere historisch interessierte Damen und Herren gibt, die einen offenen Dialog über die Zeit des Nationalsozialismus mit jungen Menschen von heute, deren Erfahrungen sich im Prinzip auf die Informationen des Unterrichts und der öffentlichen Medien beschränken, führen wollen.
Dies ist ein sehr ungewöhnliches und äußerst interessantes Angebot, zumal alle aktiven Lehrer heute mit Sicherheit nicht unter Zeitzeugen zu zählen sind und deshalb nie die Tiefe und Authentizität eines Zeitzeugen in ihren Schilderungen erreichen können.![]()
Um einen Dialog zu ermöglichen, formulierten die Schüler im Vorfeld Fragen an die Senioren, die den Damen und Herren vorher schriftlich gegeben wurden.
Der Tag wurde von den Schülern und auch von den beiden begleitenden Lehrkräften mit Spannung erwartet, da es keine Selbstverständlichkeit ist, von Menschen, die den Nationalsozialismus erlebt haben, offene Antworten zu bekommen.
Für dieses Treffen hatten die Organisatoren im Rupertihof einen Saal zur Verfügung gestellt, wo die Podiumsdiskussion stattfand.
Herr Gietl bat die Senioren darum, sich kurz vorzustellen, damit die jungen Erwachsenen sich auch ein Bild von dem Hintergrund der Personen machen konnten und auch gegebenenfalls Direktfragen an die einzelnen Teilnehmer stellen konnten.
Bei der kurzen Vorstellung kam heraus, dass eine Dame, Frau von Schoeler, tatsächlich in dem hohen Alter von 100 Jahren keine Scheu zeigte, sich mit den Schülern und ihren Fragen auseinanderzusetzen.
Ebenso erfrischend offen waren Frau von Godin, Frau Schmich, Frau Grothfischer, Frau Wollersheim, Frau Martens, Herr Rothert und Herr Dr. Kuust.
Durch die kurze Einführung wurde auch offensichtlich, dass diese Riege an gesprächsbereiten Senioren eine große Bandbreite an Persönlichkeiten und Hintergründen abdeckte: von der Journalistin im Ausland über viele unterschiedliche Herkunftsorte und Fronteinsätze an der Ostfront und auf hoher See war alles gegeben.
Bei dieser einzigartigen Ausgangslage dauerte es auch nicht lange, bis die Fragen und individuellen Antworten immer direkter und anspruchsvoller wurden.
Die Schüler interessierten sich für viele Themen. Eindrucksvoll waren vor allem die Schilderungen der Zeitzeugen, die am Anfang des Regimes fast alle noch zu jung waren, um zu begreifen, was genau passierte. (Durchschittsalter 1933: 9 - 12 Jahre)
Eine Frage befasste sich mit der Stimmung von 1933 nach der so genannten Machtergreifung.
Die Schüler wollten auch wissen, ob und wann die Erkenntnis sich breitmachte, dass es sich um ein Terrorregime unter Hitler handelte.
Die Stimmung im Ausland und die Reaktion auf Hitlers Außenpolitik wurde ebenso deutlich wie die Beklemmung und Angst während Luftangriffen in Bunkern oder Kellern.
Einig waren sich alle Senioren bei der Aussage, dass man allgemein in Deutschland nicht mehr offen über den Krieg oder seine politische Meinung reden konnte, aber dass die breite Bevölkerung in Deutschland spätestens nach Stalingrad ein schnelles Ende des Krieges herbeisehnte.
Besonders bildhaft erzählt waren auch die Erlebnisse während der Hitlerjugend, dem Bund Deutscher Mädchen oder dem Reichsarbeitsdienst. Klar wurde auch, dass bei weitem nicht alle mit Hitler und seiner Politik und seinem Regime einverstanden waren, aber keine reelle Möglichkeit hatten, etwas dagegen zu unternehmen.
Schön war auch, dass alle Teilnehmer sich ohne jegliche Scheu zum Thema Antisemitismus und Judenverfolgung äußerten.
Die Aussage, dass Hitler und sein Regime ihnen 12 Jahre ihres Lebens raubte, hallte besonders lange nach und regte zum Nachdenken an.
Leider waren die eineinhalb Stunden sehr schnell vorüber.
Aber dieses Treffen der Generationen soll nicht das letzte seiner Art gewesen sein. Sowohl die Lehrer als auch die Schüler waren gefesselt von den Schilderungen und hoffen auf weitere Gelegenheiten, den riesigen Erfahrungsschatz der Senioren "anzuzapfen".
Die Schüler selbst haben vorgeschlagen, Treffen mit den einzelnen Senioren zu organisieren, wo man dank des nun bekannten Hintergrundes viel detailliertere Fragen stellen könnte.
Sie waren von der Offenheit und der Klarheit der Aussagen absolut begeistert und empfanden diesen Besuch als eine Bereicherung für den Unterricht, da hier eine unmittelbare Verbindung zur Vergangenheit geschaffen wurde.
Somit bleibt nur noch zu sagen, wie dankbar das Gymnasium Tegernsee allen Beteiligten dafür ist, dass sie dieses einzigartige Erlebnis ermöglicht haben. Gleichzeitig wird die Hoffnung gehegt, dass die rüstigen Senioren sich noch lange guter Gesundheit erfreuen, um noch mehr Menschen mit ihren Erlebnissen in den Bann zu ziehen.
Andrea Neumann
